7. Februar 2021

 

Die Würde der Frau ist noch immer antastbar

50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz und man will uns weismachen, das sei ein Grund zum Jubeln. Das Gegenteil ist der Fall. 50 Jahre Frauenstimmrecht bedeuten 123 Jahre kein Stimmrecht für die Frauen und somit ein eklatanter Verstoss gegen die Menschenrechte – immerhin basierte die erste Verfassung der Schweiz u. a. auf dem Gedankengut der Französischen Revolution. Dieser Verstoss hielt auch nach der Einführung des Frauenstimmrechts noch an. Erst zehn Jahre später, 1981, wurde die Gleichstellung der Geschlechter in der Schweizer Bundesverfassung verankert. Erst seit 2004 ist überdies Gewalt in der Ehe in der Schweiz ein Offizialdelikt und noch 2021 ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit in diesem Land, in dem noch immer alle vier Wochen eine Frau von ihrem Partner getötet wird, ein frommer Wunsch.

Sollen wir also tatsächlich Brosamen feiern, die uns als milde Gabe hingeworfen werden? Sollte 2021 nicht eher ein Jahr des Zorns werden? Ein Jahr auch der Nachbesserungen, Wiedergutmachung und der offiziellen Entschuldigung für das Unrecht, das den Schweizer Frauen angetan wurde und noch immer angetan wird? Eine offizielle Entschuldigung bei den Frauen schmälert vorangehende offizielle Entschuldigungen nicht. Denn auch sie wurden notwendig, weil die offizielle Schweiz gegen die Menschenrechte verstossen hat. Jeder Verstoss eine Entschuldigung. Das ist das Mindeste.


 

6. Februar 2021


Eine für alle

Die weitläufige Anlage des Altersheims mit Park ist wie ausgestorben. Menschenleer auch die grosse Cafeteria, die weiten Gänge und ausserdem kein einziges Gesicht an den Fenstern oder auf den Balkonen. Eine halbe Stunde Besuchszeit haben wir erhalten, in einem öden Raum, der bis auf zwei Tische, vier Stühle und einen Wandbehang, der die Würde der Bewohnenden verspottet, nichts enthält, was etwas Gemütlichkeit entstehen lassen könnte. Anderthalb Meter Abstand und strikte Maskenpflicht. Schwierig, wenn die hundertjährige Besuchte kaum noch etwas hört, davor wochenlang keine Besuche empfangen konnte und monatelang nicht mehr umarmt wurde. Über die Bedeutung von Berührungen ist heute schon genug bekannt – auch wenn noch lange nicht jedes Detail erforscht ist. 

Ist das noch ein Leben?

«Die vielen Toten sind eine Folge des Mangels an Demut und Selbstkritik», so Schriftsteller Lukas Bärfuss gleichentags im Tages Anzeiger über den Umgang der Schweiz mit dem Corona-Virus. Die Vermögen der 300 reichsten Schweizer und Schweizerinnen hingegen legten im Laufe des vergangenen Jahres während der Corona-Krise um 5 Milliarden Franken zu und belaufen sich aktuell auf insgesamt 707 Milliarden, so das Wirtschaftsmagazin Bilanz vom 26. November 2020.

Gleichentags gucke ich eine Dokumentation über das Leben und Wirken der verstorbenen US-Richterin Ruth Bader Ginsburg. Es ist schier unglaublich, was diese Person alleine mit ihrer Arbeit, ihrem unermüdlichen Einsatz und ihrer gewinnenden Art alles erreicht hat. Für die Menschen in ihrem Land, für die Gerechtigkeit und die Freiheit. Ihr Glanz reicht weit über das grosse Land USA hinaus.